Gesamtschule Osterfeld

Schule kultureller Vielfalt
 

Auf KZ-Gedenkstättenfahrt 2016

Ende  Januar  2016  besuchten  wir,  15  Schüler  aus  dem  Projektkurs  und  dem  Leistungskurs Geschichte an der Gesamtschule Osterfeld unter Begleitung von Frau Havemann und Herrn Grönke, Thüringen. 

Unsere  Studienreise  wurde  finanziell  unterstützt  durch  das  Bundesprogramm „Demokratie leben“, wofür wir uns sehr herzlich bedanken.

Unser  Ziel  war  es,  die  KZ Gedenkstätten  Buchenwald  und  Mittelbau-Dora  zu  besichtigen. Für die meisten von uns war es der erste Besuch eines Konzentrationslagers. Was uns auf der Reise erwarten würde, konnten wir uns daher zu Beginn noch wenig vorstellen. Das KZ Buchenwald, 1937 auf dem Ettersberg bei Weimar errichtet, war unsere erste Reisestation. 

Es handelte sich hier um eines der größten Konzentrationslager während der NS-Zeit. Hier wurden zunächst vor allem politische Gegner der Nazis eingesperrt. Nach Kriegsbeginn wurden auch Menschen aus ganz Europa hierher verschleppt und zur Arbeit für die deutsche Rüstungsindustrie gezwungen. In diesem Lager und seinen 136 Außenstellen wurden ca.  250 000 Menschen inhaftiert. Zwangsarbeit und Lagerleben fanden unter menschenunwürdigen Verhältnissen statt, sodass viele  Menschen  auch  aus  Erschöpfung, infolge von Krankheiten,  Unterernährung  oder Unterkühlung  starben;  andere wurden  von  den  SS-Wachmannschaften zu medizinischen  Experimenten  missbraucht oder zu Tode gefoltert.  Das  riesige  Gelände  und viele der  Gebäude,  die  bis  heute erhalten  geblieben  sind,  können  besichtigt  werden.  Eine besonders  bedrückende  und unheimliche Stimmung  erfasste  uns  in  den  Gemäuern  des Krematoriums.  Hier  ließ  die SS nicht nur die Leichname von Häftlingen vor ihrer Verbrennung ausplündern, hier befand sich auch die Hinrichtungsstätte des Lagers und man konnte das Modell einer Genickschussanlage sehen, durch die man 8000 sowjetische Kriegsgefangene ermordet hatte.

Bevor  wir wieder das  Lagertor  mit  der zynischen Aufschrift „Jedem das Seine“ hinter uns ließen, gab es noch eine unerwartete Empfindung:  Wir sollten unsere Hand auf eine Gedenkplatte für die vielen Opfer aus aller Welt legen – und diese Platte war warm, körperwarm. So warm, wie der Körper eines jeden Menschen auf der Welt, unabhängig von Herkunft, Weltanschauung, Geschlecht ...

Und dann – welch ein Kontrast: Vom Ettersberg ging es hinab in die schöne Stadt Weimar. Von dieser Stadt hatte jeder schon einmal gehört, ob von der „Weimarer Klassik“ oder der „Weimarer Republik“. Während unseres kurzen Stadtrundgangs, begleitet von Frau Sembdner, lernten wir vieles über die Stadt, die für weit mehr als für die deutschen Dichter Goethe und Schiller bekannt ist. Dass aber genau hier, in der Nähe einer so kulturvollen und aufgeklärten Stadt  und durchaus nicht verborgen vor der  Bevölkerung  ein  Konzentrationslager stand,  in dem über 56 000 Menschen qualvoll ihr Leben lassen mussten, ist nur schwer zu begreifen.

Am Abend erreichten wir die letzte Station unserer Reise – die Stadt Nordhausen. Hier besuchten wir an den folgenden Tagen die KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora.  Auch dieses Lager war ein Konzentrationslager, das erst 1943 errichtet wurde, um die Herstellung der V2-Raketen für die Wehrmacht in unterirdischen Stollenanlagen sicherzustellen. Obwohl es nur 18 Monate bestand, kamen hier über 20 000 Menschen um. Frau Heinrichs war drei Tage lang unsere Begleiterin beim Gang über das weitläufige Lagergelände, in die Ausstellung und bei interessanten Workshops. Darin bekamen wir die Möglichkeit, uns mit Zeitzeugen und ihren Geschichten auseinanderzusetzten und zu versuchen, das Leben und den Alltag eines Häftlings nachzuvollziehen. 

Als wir am letzten Abend den Spielfilm „Nackt unter Wölfen“ nach dem Roman von Bruno Apitz sahen, der selbst Häftling im KZ Buchenwald war, konnten wir die kalte, mörderische Ausstrahlung des Ortes besonders nachhaltig verspüren. 

In vielen an- und aufregenden Diskussionen bekamen wir außerdem die Möglichkeit, nachzudenken und uns auszutauschen. Wir bemerkten, dass vieles anders war, als wir bisher dachten. Als sehr wichtig empfanden wir die Verknüpfung mit der heutigen Zeit. So stellte sich in der Diskussion  heraus,  dass  sich  viele von  uns  gar  nicht  so  sicher  sind,  ob sich eine solche  geschichtliche Katastrophe tatsächlich nicht wiederholen könnte.  Denn  von  Ausgrenzung  und Hass ist auch unsere Generation noch immer  nicht ganz frei,  obwohl  deren Dimensionen  in  der  Zeit  des  Nationalsozialismus  natürlich  damit  nicht vergleichbar  und  von  uns  wirklich schwer  nachvollziehbar  und  begreifbar sind ...

Wie  garantiert  werden  könnte,  dass das  Geschehene  sich  auf  gar  keinen Fall  wiederhole,  blieb  für  uns  eine noch nicht ganz zu Ende geführte Frage.

Vor Ende der Reise gedachten wir der Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen und legten Blumen auf einer  Gedenkplatte ab. Beim abschließenden Gespräch stellten wir fest, dass wir alle noch Zeit brauchen werden, um das Erlebte emotional und rational zu verarbeiten, denn  die  Dichte  von  emotional  erschütternden  Eindrücken  und  vielfältigen  Informationen überforderte so manchen von uns.

Dennoch und wahrscheinlich gerade deswegen sind solche Fahrten wichtig, denn so lernt man Geschichte nicht nur aus Büchern, sondern erlebt sie, verankert sie tief und nimmt sie künftig mit sich mit.

Patrick Mosio